Ein Gang über den jüdischen Friedhof zu Wittlich Machbarot Heft 3, 2. Auflage
| Reinhold Bohlen 13,5 x 19 cm Die Streifzüge, die wir als Kinder in der Umgebung unserer Heimatstadt Wittlich in den 1950er-Jahren unternahmen, führten uns bisweilen zu einem geheimnisvollen Ort, den wir als „Judenbüsch“ kennengelernt hatten. Inmitten von Feldern, auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt, lag er: der von Schatten spendenden Bäumen und dichtem Buschwerk fast verborgene jüdische Friedhof. Die schadhafte Umzäunung gewährte uns heimlichen Zutritt zu den Grabsteinen, deren meist rätselhafte Inschriften und Symbole von wucherndem Efeu umrankt oder auch mit Moos bedeckt waren. Stille umgab das sich selbst überlassene Gräberfeld, belebt nur durch das muntere Zwitschern der hier nistenden Vögel. Dass gerade die Verlassenheit dieses Ortes Zeugnis ablegte für die nur wenige Jahre zurückliegenden tragischen Ereignisse, welche die einst blühende jüdische Gemeinde Wittlichs ausgelöscht hat, wurde mir erst später bewusst. Denn „nichts ist den Juden in ihrer wechselreichen Geschichte so schwer geworden, als wenn sie, durch äußeren Zwang genötigt, ihre Totenäcker preisgeben mussten“, bemerkt der ehemalige Leipziger Rabbiner Gustav Cohn s. A. Einem erbarmungslosen Regime preisgegeben waren nicht nur Totenacker, Synagoge und Schulhaus, sondern vor allem die Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung. Die zweite Auflage des dritten Heftes der Machbarot-Reihe des Emil-Frank-Instituts möchte Einheimische und Gäste zu einem Besuch des „guten Ortes“ einladen, wie jiddischer Volksmund einen Friedhof bezeichnet, und dazu eine informative Handreichung bieten. Es wäre gut, wenn die Wittlicher „ihren“ Judenfriedhof nicht vergäßen. Wer als Erwachsener die Reihen der heute noch erhaltenen Grabsteine durchschreitet und gelegentlich verweilt, vermag zu fühlen, was diese Steine sprechen, auch wenn deren Inschriften teilweise in einer fremden Sprache verfasst sind. Einst sollten sie die Erinnerung an die im „Haus der Ewigkeit“ bzw. im „Haus des Lebens“ Bestatteten, wie das Hebräische sagt, durch die Generationen tragen. Heute halten sie zugleich das Gedenken an jene wach, denen in Ruhe zu leben und zu sterben bei uns verwehrt wurde.
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- Artikel von paul